KRONREIF-STELLUNGNAHME: GRAVIERENDE INHALTLICHE MÄNGEL!
Mit der Einführung des flexiblen 80ers wird bewiesenermaßen eine Reduktion der gesundheitsgefährdenden Belastung durch Stickoxide für die AnrainerInnen erreicht. Abgesehen von einer 21-tägigen Vollsperre können durch keine anderen Maßnahmen die Luftschadstoffe in diesem Ausmaß gesenkt werden
In der Diskussion über Tempo 80 im Salzburger Landtag wiesen die Experten des Landes dem Gutachten von DI Gerhard Kronreif „gravierende inhaltliche Mängel und eine willkürliche Interpretation von aus dem Zusammenhang gerissenen Daten nach“, kommentiert der GRÜNE Klubchef Cyriak Schwaighofer.
„Allein, dass der gerichtliche Sachverständige Gerhard Kronreif sich nur jene 30 Unfälle angesehen hat, die auf Fahrspurwechsel zurückzuführen sind, und daraus eine Verdoppelung der Unfälle ableitet, ist mehr als unseriös. Dass er quasi im
selben Atemzug den Rückgang anderer geschwindigkeitsabhängiger Unfälle von 119 auf 43 als zufällige Häufung abtut und an anderer Stelle weit weniger starke Veränderungen als signifikant beurteilt, sagt eigentlich alles über die Qualität der Kronreif’schen Stellungnahme“, betont Heilig-Schwaighofer. Mindestens ebenso unseriös sei es, dass Kronreif die einzige offizielle und österreichweit anerkannte Quelle für Verkehrsunfälle – nämlich die Verkehrsunfallstatistik der Statistik Austria – in seiner Stellungnahme an den Landtag nicht einmal erwähnt, geschweige denn darauf zurückgreift.
„Im Grunde ist es ungeheuerlich wie mit an den Haaren herbeigezogenen und fachlich nicht haltbaren Interpretationen eine wichtige Maßnahme zum Schutz der Gesundheit permanent schlechtgeredet wird“, so Schwaighofer.
Die wichtigsten Richtigstellungen von Landesstatistik und Umweltabteilung zur „Stellungnahme“ von DI Kronreif:
- 1. Generell sind die Unfälle von 2014 auf 2015 von 153 auf 127 gesunken. Das ist ein Rückgang von 17 Prozent, so die Landesstatistik, welche auch die Unfälle auch nach Art (Unfälle durch Fahrsteifenwechsel, Auffahren, Schleudern, Aquaplaning etc.) differenziert. So gab es:
…bei den Fahrstreifenwechsel Richtung Wien leichte und Richtung Villach starke Anstiege; bei Betrachtung nach Kilometerabschnitt gab es Anstiege vor allem bei der Auffahrt von der A10 (Richtung Wien) und in den Bereichen Abfahrt Nord und Tunnel (jeweils Richtung Villach).
…bei den Auffahrunfällen Richtung Wien einen leichten Rückgang und Richtung Villach einen starken Anstieg.
…bei den übrigen Unfallarten Richtung Wien und Richtung Villach starke Rückgange, die sich bei Betrachtung nach Kilometerangabe über praktisch alle Bereiche durchziehen.
2. Die Wahrscheinlichkeit für einen Unfall mit Personenschaden war beim 100-er rund doppelt so hoch wie beim 80-er. Das geht aus der Anmerkung der Landesstatistik zum Kronreif-Gutachten hervor. Wörtlich heißt es hier:
„In dem betrachteten Zeitraum wurden an der Messstelle Siezenheim rund 24,2 Mio. Fahrzeuge registriert, davon 13,4 Mio. bei einem 80er (55,4 %) und 10,8 Mio. beim 100er (44,6 %). Wird das Verkehrsaufkommen berücksichtigt und die Werte entsprechend hochgerechnet, so ereignete sich bei Tempo 80 pro 1,67 Mio. Fahrzeuge ein Unfall mit Personenschaden, bei Tempo 100 pro 830.000 Fahrzeuge ein Unfall mit Personenschaden.
Die Wahrscheinlichkeit für einen Unfall mit Personenschaden war beim 100er damit rund doppelt so hoch wie beim 80er.“
3. Für nicht nachvollziehbar hält die Landesstatistik auch die „Einschränkung auf bestimmte Unfallarten“ in der Kronreif-Stellungnahme. Die Landesstatistik dazu:
„(…)Alle anderen Unfallarten (Aquaplaning, Schleudern etc.) sind nach unserer Einschätzung auch geschwindigkeitsabhängig und uns ist auch keine Unfallstatistik bekannt, wo nur einige wenige Teilmengen als geschwindigkeitsabhängig ausgewiesen sind. Von DI Kronreif werden aber nur Auffahr- und Fahrstreifenwechselunfälle als geschwindigkeitsabhängig betrachtet.“ Die Landesstatistik hält diese Selektion von Daten durch Kronreif für „sehr problematisch“. Erschwerend käme hinzu, „dass die Unfallart in den Daten der API (Anifer Polizeiinspektion, Anm.) nicht durchgängig aufgezeichnet ist und es vor allem im Jahr 2014 viele Leereinträge gibt, die damit einfach unberücksichtigt bleiben, obwohl hier die Unfallart nicht bekannt ist.
Der Rückgang solcher und sonstiger Unfälle von 119 auf 43 (!) wird von ihm (Kronreif, Anm.) als ‚zufällige Häufung‘ bezeichnet, während er sonstige weniger starke Veränderungen als signifikant beurteilt.“
4. Die Schadstoffbelastung ging deutlich zurück. Die Umweltabteilung schreibt dazu in einer Stellungnahme:
„In der von DI Kronreif übermittelten Darstellung von Prof. Pucher werden auf Seite 5 Messwerte von fünf Diesel-Fahrzeugen bei 80 bzw. 100 km/h präsentiert. Der daraus gezogene Schluss (nur 5 bis 10% Einsparung) ist nicht nachvollziehbar: (Hinweis auf Grafik, Anm.) Diese fünf Fahrzeuge emittieren bei Tempo 100 in Summe 1,74 und bei Tempo 80 1,47 g/km NOX. Daraus ergibt sich eine Abnahme um ca. 16%.“
Als ebenfalls falsch stellt sich Kronreifs Behauptung heraus, dass es eine EU-Empfehlung gibt, den Messcontainer in einem Abstand von 10 Metern zum Fahrbahnrand aufzustellen. „Laut EU-Luftqualitätsrichtlinie“, schreibt die Umweltabteilung in ihrer Stellungnahme, „darf die Probennahme für verkehrsnahe Messungen höchstens 10 Meter vom Fahrbahnrand entfernt sein und stellt somit keine Empfehlungsondern einen maximalen Abstand dar, der nicht überschritten werden darf.“