WIE GELINGT DAS LEBEN MIT DEM WOLF?
"Der Wolf polarisiert – nicht nur in Salzburg. Wie effektiver Herdenschutz funktioniert, was es dazu braucht und wie dadurch ein Nebeneinander von Wolf und Weidevieh ermöglicht werden kann, habe ich während meiner Exkursionen ins Tiroler Oberland und in die Schweiz erfahren."
DER WOLF, DER MENSCH UND DAS LIEBE VIEH
Der Wolf war Jahrtausende lang ein Teil der europäischen Natur und Artenvielfalt. Er ist daher Teil unserer Ökosysteme und erfüllt eine wichtige Rolle für das Gleichgewicht von Wildbeständen und Vegetation. Doch jahrhundertelange Verfolgung führte zu einer systematischen Ausrottung. Nun kehrt der Wolf wieder zurück und polarisiert – auch im Bundesland Salzburg.
„Für den Artenschutz ist die Rückkehr des Wolfes ein großer Erfolg“, betont die Klubchefin und LAbg. der GRÜNEN im Salzburger Landtag, Kimbie Humer-Vogl. „Gleichzeitig ist das Konfliktpotential natürlich groß. Bauern und Bäuerinnen haben Angst um ihre Schafe und treiben sie immer öfter frühzeitig ins Tal. UmweltbiologInnen und TierschützerInnen hingegen betonen, dass der Wolf geschützt werden muss und einen wichtigen Platz in unserem Ökosystem einnimmt. Mir ist es ein Anliegen die Bauern und Bäuerinnen nicht alleine zu lassen. Deshalb habe ich mich mit zahlreichen Expertinnen in Salzburg, aber auch in Tirol und der Schweiz getroffen, um in Erfahrung zu bringen, wie ein funktionierendes Nebeneinander von Wolf und Weidevieh aussehen könnte“, so die Abgeordnete. Denn klar sei: Der Wolf wird bleiben.
EU pocht auf hohen Schutzstatus
„Am Schutzstatus des Wolfes kann man nicht rütteln“, so Humer-Vogl: „Der Wolf hat seinen Platz in unserem Lebensraum – ob wir das nun wollen oder nicht. Man muss jetzt lösungsorientiert denken und sich die Frage stellen, wie man mit den Wölfen leben kann und die Bauern und Bäuerinnen unterstützen kann“, so die Abgeordnete.
Auch die EU-Kommission hat erst im August 2020 erneut festgestellt: Der Wolf darf und wird bleiben. Der Wolf ist durch die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL) eine streng geschützte Art. Diese Richtlinie wurde erst 2015/2016 im Zuge eines Fitness-Checks überprüft. Eine Änderung wurde angesichts des weiterhin dramatischen Artensterbens von allen Mitgliedsstaaten einstimmig abgelehnt. Der zuständige EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevčius pocht weiterhin auf den hohen Schutzstatus der Tiere und erteilte auch wolfsfreien Zonen in den Alpen eine klare Absage, weil sie dem geltenden EU-Recht widersprechen.
„Man kann die rechtlichen Fakten nicht ignorieren. Es liegt nun in der Verantwortung der Politik, den Almbauern und Altbäuerinnen jene Unterstützung anzubieten, die sie brauchen, um trotz des Wolfes ihrem Weidevieh Sicherheit bieten zu können“, ist Humer-Vogl überzeugt. Sie plädiert für ein durchdachtes Herdenschutzprogramm und plädiert für einen faktenorientierten Diskurs rund um das Thema Wolf.
HERDENSCHUTZMASSNAHMEN ALS GEBOT DER STUNDE
Gelungener Herdenschutz im Tiroler Oberland und der Schweiz
„Davon, dass es möglich ist, Herdenschutz auch in großen Höhen zu betreiben, habe ich mich kürzlich im Tiroler Oberland bei dem Wanderhirten Thomas Schranz überzeugen können“, so Humer-Vogl. „Auch ein Blick über die österreichische Grenze zeigt, dass Herdenschutz funktioniert. In der Schweiz ist der Wolf seit Jahren wieder heimisch. Stärker als in Österreich wird dort seit etwa 20 Jahren auf den Herdenschutz gesetzt. Wolfsrisse lassen sich durch flächendeckende und standortangepasste Herdenschutzmaßnahmen minimieren“, so Humer-Vogl. „Wir wollen die Bauern nicht alleine lassen – sie brauchen die notwendige Unterstützung, um ihr Weidevieh zu schützen. Ein effektiver Herdenschutz bietet hier das beste Mittel“, zeigt sich Humer-Vogl überzeugt.
Basierend auf ihren Erfahrungen und dem Austausch mit ExpertInnen und Experten hat die Abgeordnete einen Maßnahmenkatalog erarbeitet, um zu zeigen, was es braucht, um ein funktionierendes Nebeneinander von Wolf und Weidevieh zu ermöglichen.
Maßnahmenkatalog
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- 100 % Übernahme der Kosten für Herdenschutzmaßnahmen (Beratung, Zäunung, Behirtung, Arbeitszeit, Sachkosten, Hunde)
- Unbürokratische und bundesweit einheitliche Entschädigungen im Falle von Nutztierrissen
- Professionelle RissgutachterInnen (im besten Fall Veterinärmediziner und Veterinärmedizinerinnen), die rasch dafür sorgen, dass Bauern und Bäuerinnen nach Wolfsrissen entschädigt werden
- Verbesserte rechtliche Grundlagen, um Hirten und Hirtinnen anzustellen und Herdenschutzhunde einsetzen zu können
- Verbesserte Ausbildung von Hirten und Hirtinnen
- Training von Herdenschutzhunden in Österreich: Eine gewaltfreie Erziehung und eine frühe Bindung an den Menschen sind dabei besonders wichtig. Es braucht täglich Kontakt mit Menschen. Herdenschutzhunde arbeiten nicht allein auf den Almen, sondern mit den Hirten und Hirtinnen zusammen. Am effektivsten sind gemischte Hundetruppen (Herdenschutz- und Hütehunde). Gefährlich sind Herdenschutzhunde nicht.
- Entwicklung eines Sicherheitskonzepts beim Einsatz von Herdenschutzhunden
- Risikoanalysen von Almen und Weiden
- Information und Bewusstseinsbildung für das richtige Verhalten bei Begegnungen mit Wildtieren und Weidetieren verbessern, um die Bevölkerung mit dem Thema Wolf wieder vertraut zu machen
- Landwirtschaft stärken
Zahlen und Fakten
- Rund 6000 Schafe verenden aufgrund von Unwettern, Steinschlag, Krankheiten.
- Rund 100 Schafe werden von Wölfen gerissen.
- 2019 gab es in Österreich circa 400.000 gehaltene Schafe, davon 115.000 auf Almen. 103 Tiere wurden durch Wölfe getötet – das sind 0,025 Prozent aller Schafe.
- Wölfe fressen überwiegend Rehwild, Nutztiere liegen bei ca. 1% ihrer Nahrung.
- Wölfe sind bei ihrer Nahrungsbeschaffung vorsichtig und vermeiden Konflikte und Verletzungsgefahr, deshalb zeigen Zäunung (Elektrozaun) und Hunde rasch Abwehrwirkung auf Wölfe.
- Der Wolf ist der „Gesundheitspolizist des Waldes“, er hält den Wildbestand und damit den Wald gesund, da er vor allem kranke und schwache Tiere anfällt. Außerdem hinterlässt er wichtige Nahrungsreste für andere Tierarten, wie Adler.
- Der bessere Schutz von Weidetieren wird bereits jetzt finanziell unterstützt: Österreich schüttet an 7100 Hirten über 10 Millionen Euro jährlich aus. Auch die Europäische Union bietet finanzielle Hilfe: Gelder für vorbeugende Maßnahmen wie Schutzzäune oder Herdenschutzhunde werden vollständig erstattet und entstandene Schäden abgegolten. Österreich schöpft diese Mittel jedoch derzeit oft nur ungenügend aus.
- Eine gezielte Weideführung hat auch abseits des Wolfsschutzes viele Vorteile. So können Artenvielfalt und Biodiversität befördert werden, der Bodenerosion entgegengewirkt, Muren und Hangrutschungen, sowie Überschwemmungen verhindert und der Grundwasserspiegel verbessert werden.